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SReisen mit Handicap

Up and Down - Mein Konzertbesuch in Frankfurt

Großveranstaltungen in Deutschland stellen, dank der modernen Stadien, in der Regel keine Probleme mehr für Rollstuhlfahrer dar, deshalb machte ich mir auch keinerlei Sorgen vor dem Konzert der Band „Coldplay“. Schwieriger gestaltete sich da eher das Unterfangen, ein barrierefreies Zimmer zu ergattern. Schon Wochen vorher machte ich mich im Internet auf die Suche nach einem geeigneten Hotel.

In Frankfurt gibt es Hotels aller Kategorien. Meine Kriterien für selbiges sind dagegen relativ simpel, schließlich wollte ich hier nur übernachten. Es sollte, wie erwähnt, ein rollstuhlgerechtes Zimmer haben, im Umkreis der Arena liegen und bezahlbar sein, wobei letzteres wohl das größere Problem darstellte. Frankfurt, an einem Wochenende, dazu mehrere Großveranstaltungen, da klingt der Begriff „bezahlbar“ schon recht utopisch. Nach einigen Recherchen im Netz, haben wir uns für das Hotel „Innside“ in Frankfurt Niederrad entschieden.  Preislich bewegten wir uns hier bei 120 € inklusive Frühstück. 

Freitagnachmittag machten wir uns auf den Weg Richtung Frankfurt. Widererwartend kamen wir völlig entspannt gegen 17 Uhr am Hotel an. Eigentlich hatte ich, aufgrund beginnender Ferien und dem Berufsverkehr, mit einer längeren Fahrzeit gerechnet.  Nach der Ankunft gleich der erste Schreckmoment. Vor dem Hotel war eine Treppe, aber zum Glück, war da ein etwas versteckten Treppenlift an der Seite. Nach dem einchecken stand erstmal der für mich obligatorische Zimmercheck auf dem Programm und ich muss ehrlich zugeben, dass ich, bis auf die etwas schwer gehende Zimmertür, am Zimmer selber nichts auszusetzen hatte. Das Zimmer verdiente definitiv den Namen „rollstuhlgerecht“. Neben der sehr respektable Größe, gab es im Bad dazu ein unterfahrbares Waschbecken mit großem Spiegel, ein WC in perfekter Höhe und eine große befahrbare Dusche mit Klappsitz. Jeder Rollstuhlfahrer weiß dies zu schätzen. 


Gegen 18.30 Uhr machten wir uns zu Fuß auf den Weg gen Stadion. Ein großer Pluspunkt des „Innside“ ist seine Lage, denn in nur knapp 30 Minuten erreicht man fußläufig die Arena. Da das Wetter mitspielte, war dies eine willkommene Abwechslung, um die Zeit bis zum Konzertbeginn zu überbrücken. Vor dem Stadion gab es dann noch eine Stärkung, ehe wir uns durch die viel zu lasche Sicherheitskontrolle zu unseren Plätzen begaben. Über das Stadion braucht man nicht viele Worte verlieren. Die Plätze für die Rollstuhlfahrer bieten einen hervorragenden Blick und behindertengerechte Toiletten gibt es reichlich. 

Die knapp 2 Stunden unserer Lieblingsband vergingen, leider wie so oft, im Fluge. Es war jedoch eine schöne Abwechslung zum hektischen Alltag zu Hause und wie meist endet so ein Konzert mit einer Menge Pyro, Konfetti und reichlich Applaus, quasi mit einem Knalleffekt. Apropos Knalleffekt, diesen gab es dann auch sprichwörtlich nach dem Konzert. Erst haben wir es akustisch gar nicht so richtig mitbekommen, aber je näher wir Richtung Ausgang kamen, verstanden wir die Durchsagen der Polizei. Ein Großteil des Stadtteils Niederrad musste wegen der Bergung einer Weltkriegsbombe evakuiert werden.   -->> Siehe hier   Noch machten wir uns keine Gedanken, aber nach einem kurzen Gespräch mit der Polizei stand fest, auch unser Hotel war davon betroffen, sprich wir hatten keine Unterkunft. Hinzu kam noch, dass sich unser gesamtes Hab- und Gut, inklusive unseres PKWs  im Hotel befand.

Die Polizei empfahl allen Betroffenen sich zur Messe Frankfurt zu begeben, dort werde man auf Ausweichquartiere umverteilt. Nun stelle ich mir als Rollstuhlfahrer nachts um 0.00 Uhr in einer fremden Stadt die Frage, wie komme ich zur Messe oder wer kommt ggf. für die Kosten auf. Wir suchten jetzt erstmals die beiden Hotels in der unmittelbaren Nachbarschaft der Commerzbank Arena auf und fragten dort nach freien Kapazitäten. Bis auf eine Suite für weit über 200,- € war logischerweise nichts mehr frei. Diesen Preis wollten wir natürlich nicht bezahlen und so machten wir uns dann doch, inzwischen schon ziemlich genervt, auf den Weg Richtung S-Bahn. Freundliche Bahn-Mitarbeiter erklärten uns den Weg zur Messe. Einzige verlässliche Quelle zur aktuellen Lage war das Social Media Team der Polizei Frankfurt, die uns recht verlässlich auf dem Laufenden hielt. 

Gegen 01.30 Uhr kamen wir bei der Messe Frankfurt an. In einer separaten Halle wurden wir von freiwilligen Helfern in Empfang genommen. Es war eine surreale Situation für mich. Auf der einen Seite waren wir froh, dass es so viele Leute gab, die den evakuierten Hilfe anboten, in Form von Essen, Getränken oder Feldbetten, auf der anderen Seite war es das erste Mal, dass wir in so eine Situation kamen. Minütlich schaute ich auf den Twitter-Account der Polizei, denn ursprünglich hieß es, die Bombenentschärfung solle gegen 3.30 Uhr abgeschlossen sein. Natürlich kann man so eine Entschärfung zeitlich nicht planen, aber mein Gemüt hatte auf der Wohlfühlskala von  1-10 eine glatte 0, denn immerhin saß ich mir bereits seit 7 Uhr morgens den Hintern platt. 

Gegen 04.00 Uhr dann endlich die erlösende Durchsage. „Wir können Entwarnung geben, die Bombe wurde erfolgreich entschärft und sie werden in Kürze mit Bussen zu Ihren Unterkünften gebracht”. Dies zog sich allerdings noch etwas in die Länge und mit den normalen Bussen war eine Fahrt für mich ja so wie so nicht möglich, daher fragte ich den Einsatzleiter, ob es eine andere Möglichkeit für mich gäbe, mit der ich zum Hotel gebracht werden könne. Kurze Zeit später, saß ich mit meiner Frau bei einem freundlichen Mitarbeiter des Arbeiter Samariter Bundes in einem PKW. Wir waren unheimlich dankbar für die Hilfe der zahlreichen Helfer, die eigentlich auch alle Frei gehabt hätten. 

Ziemlich müde nahmen wir die knapp 20 Minuten Fahrzeit in Angriff und ich lauschte den Worten des Fahrers. Was will man mehr dachten wir uns, immerhin bekamen wir nachts um  04.30 Uhr eine ganz private Stadtrundfahrt durch Frankfurt. Am Hotel angekommen, sahen wir, dass so langsam auch die anderen Hausgäste nach und nach eintrudelten. Ich fragte den Portier, seit wann er wieder hier sei und er sagte, seit knapp 30 Minuten. Während unseres kurzen Plausches erfuhren wir, dass die Mitarbeiter des Hotels nicht von der Polizei über den Bombenfund erfuhren, nein, sie erfuhren es von Hotelgästen. Gegen 05.00 hatte der Tag dann endlich ein Ende. An schlafen war für mich allerdings noch nicht so richtig zu denken, zu viele Gedanken schossen mir durch den Kopf. 

Fazit: Nach einem sehr reichlichen und guten Frühstück am Morgen verließen wir das “Innside“ und Frankfurt. Was bleibt ist ein zwiespältiger Eindruck. Auf der einen Seite, ein tolles Konzert und ein gutes Hotel besucht zu haben, auf der anderen Seite eine Erfahrung gemacht zu haben, die ich nicht noch einmal erleben möchte und auch keinem wünsche.